Fotografie lernen im KI-Zeitalter: Warum die Ausbildung jetzt wichtiger ist als je zuvor

Kann man mit Fotografie noch eine berufliche Zukunft haben, wenn KI in Sekunden perfekte Bilder erzeugt? Frank Schumacher, Leiter des Fachbereichs Fotografie am Lette Verein Berlin, sagt: ja – und zwar gerade deshalb.

Seine Kurzformel: „Fotografie muss heute wegen der KI ausgebildet werden, nicht trotz ihr.“

Fotografie ‚Monde Exposé – Pierre' von Frank Schumacher, Leiter des Fachbereichs Fotografie am Lette Verein Berlin
  • Das Wichtigste in Kürze
    KI verändert, wie Bilder entstehen und wie Fotograf:innen arbeiten. Einige Berufsfelder wandeln sich stark.
  • Gleichzeitig wird Fotografie dort wertvoller, wo echte Begegnungen zählen: im Porträt, in der Reportage, im Bildessay und in künstlerischen Projekten.
  • Gefragt sind eine eigene Haltung, konzeptionelles Denken, Kommunikationsstärke, Wissen über klassische und generative Techniken und vor allem ein kritischer Blick auf Bilder.
  • Der Lette Verein bildet seit 1890 in der Fotografie aus und setzt seit 2017 auf kleine Gruppen, Module und persönliches Mentoring.
Wer ist Frank Schumacher?

Frank Schumacher leitet seit 2008 den Fachbereich Fotografie am Lette Verein Berlin, einer der traditionsreichsten Fotoschulen Deutschlands. 2017 hat er die Ausbildung gemeinsam mit dem Kollegium und der Schulleitung grundlegend neu aufgestellt. Er ist selbst Fotokünstler; seine Arbeiten waren unter anderem im Fotomuseum Winterthur, im NRW-Forum Düsseldorf und am Institute of Contemporary Art Boston zu sehen. Außerdem gehört er dem geschäftsführenden Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh) an, die ihn für ihre Interviewreihe zum 75-jährigen Jubiläum befragt hat.

Porträt Frank Schumacher © Sabine Schründer
Touch 08_2026 © Frank Schumacher
Was verändert KI an der Fotografie?

Mit KI lassen sich heute Bilder erzeugen, die wie Fotos aussehen, ohne dass jemand vor Ort war. Das verändert Geschäftsmodelle, und viele Fotograf:innen müssen sich neu orientieren. Schumacher sieht darin aber vor allem eine Verschiebung: Je mehr künstliche Bilder es gibt, desto wichtiger werden Fotos, die auf tatsächlichen Ereignissen und Begegnungen mit Menschen beruhen. Wer ein Porträt macht, eine Reportage fotografiert oder ein eigenes Projekt entwickelt, bringt etwas mit, das keine KI liefern kann: dabei gewesen zu sein.

Welche Fähigkeiten brauchen Fotograf:innen heute?

Die Kamera bedienen zu können, reicht längst nicht mehr. Laut Schumacher kommt es auf diese Kompetenzen an:

  • Eine eigene Haltung: Was willst du mit deinen Bildern sagen?
  • Konzeptionelles Denken: Projekte von der Idee bis zur Umsetzung planen.
  • Soziale und kommunikative Stärke: Mit Menschen arbeiten, vor und hinter der Kamera.
  • Technische Bandbreite: klassische fotografische Verfahren ebenso wie generative, KI-gestützte Werkzeuge.
  • Wissen über Bildgeschichte und visuelle Kultur: Wer weiß, wo Bilder herkommen, kann sie besser einordnen.
  • Bildkritik: Die wohl wichtigste Fähigkeit. Wie ist ein Bild entstanden, wer steckt dahinter, und stimmt, was es zu zeigen vorgibt?

Gerade der letzte Punkt macht Fotograf:innen zu Expert:innen in einer Welt, in der niemand mehr sicher sein kann, ob ein Bild echt ist.

Monde Exposé Cactus 2025 © Frank Schumacher
Warum reichen YouTube-Tutorials und KI-Tools nicht?

Vieles lässt sich heute online lernen, auch mithilfe von KI. Schumacher erlebt aber jeden Tag, dass das Entscheidende woanders passiert: im gemeinsamen Anschauen von Bildern, im Diskutieren und auch im Widersprechen. Das geschieht im Seminarraum, im Studio und im Labor. Deshalb arbeitet der Fachbereich Fotografie am Lette Verein seit 2017 mit einem Modulsystem, kleineren Gruppen und persönlicher Begleitung. So entwickelt jede:r den eigenen Weg, statt nur Techniken abzuhaken.

Touch 10_2026 © Frank Schumacher
Dein Blick zählt: Was die junge Generation anders macht

Wer heute 16 oder 20 ist, ist mit einer ständigen Flut von Bildern aufgewachsen. Schumacher beobachtet, dass junge Fotograf:innen Fotografie ganz selbstverständlich als Material begreifen, das man verändern und mit anderen Medien kombinieren kann. Dokumentieren, Inszenieren, Recherchieren und persönliche Erfahrung verschwimmen stärker als früher. Und: Die junge Generation schaut nicht nur von außen auf die Welt, sondern versteht sich als Teil davon. Das zeigte auch die Ausstellung Drängende Gegenwart beim EMOP Berlin 2023, an deren Organisation Schumacher beteiligt war. Dort ging es um den Blick junger Fotograf:innen auf Krieg, Klimakrise und den Rechtsruck.

Eine eigene Haltung erwartet Schumacher von allen, die bei ihm lernen. Wie sie diese Haltung entwickeln, darf aber ganz anders aussehen als bei früheren Generationen.

Fotografie ist Teamarbeit

Schon in seinem eigenen Studium hat Schumacher mit Kommiliton:innen Ausstellungen, Publikationen und Veranstaltungen auf die Beine gestellt. Diese Erfahrung prägt bis heute, wie er unterrichtet: Fotografie ist für ihn nicht nur das einzelne Bild, sondern etwas Gemeinsames und Öffentliches. Und weil er selbst als Künstler arbeitet, fließen die Fragen seiner Auszubildenden in seine eigene Arbeit ein und umgekehrt.

Am Ende steht für ihn eine Frage, die sich jede:r Fotograf:in stellen sollte: Was kann ein Bild in der Welt bewirken?

Und was heißt das für dich?

Wenn du Lust hast, nicht nur Bilder zu machen, sondern sie zu verstehen, zu hinterfragen und etwas mit ihnen zu bewegen, dann ist eine Ausbildung in Fotografie genau jetzt sinnvoll.

Quelle: Das vollständige Interview von Ute Noll ist auf der Website der Deutschen Gesellschaft für Photographie erschienen: Frank Schumacher: Fotografie muss heute wegen der KI ausgebildet werden, nicht trotz ihr

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