Wie aus Bleisatz Weltgeschichte wurde: Die Setzerinnenschule am Lette Verein Berlin – und ihr Nachhall bis Manila
Ausbildung trifft Druckpraxis: Warum das Modell funktionierte
Die Setzerinnenschule entstand 1875 als Antwort auf eine damals brisante Frage: Wie können Mädchen und junge Frauen einen qualifizierten, bezahlten Beruf in einem stark männlich geprägten Gewerbe erlernen?
Zentral war dabei die Zusammenarbeit mit der Berliner Buchdruckerei-Aktiengesellschaft und ihrem Direktor Carl Janke – eine Konstruktion, die Ausbildung und reale Produktionsbedingungen eng zusammenspannte.
Was daran auffällt: Es ging nicht um „Beschäftigung“, sondern um Professionalität. In zeitgenössischen Programmen werden klare Rahmenbedingungen genannt – etwa die Vermittlung an den Direktor, eine Einarbeitungsphase und anschließend tarifübliche Bezahlung.
Orte, die Geschichte tragen: Von der Ritterstraße zur Anhaltstraße
Auch räumlich lässt sich diese Entwicklung nachvollziehen: Die Schule ist zunächst in der Ritterstraße 47 belegt und zieht später in die damalige Anhaltstraße 11 (historische Schreibweise; heute Anhalter Straße) um.
Solche Adressen sind mehr als Details: Sie markieren, wie präsent das Thema Berufsausbildung für Frauen in Berlin geworden war – nicht am Rand, sondern mitten in einem städtischen Produktions- und Verlagsumfeld.
Ein eigener Output: Publikationen aus dem Umfeld der Setzerinnenschule
Der Lette Verein ließ nicht nur lehren und üben, sondern auch veröffentlichen. In bibliografischen Nachweisen taucht die Setzerinnenschule des Lette-Vereins als Verlags- bzw. Herausgeberangabe für Druckschriften auf (z. B. Vereinsberichte, Erinnerungsschriften, Festschriften).
Damit wurde das Haus zu einem Ort, an dem Inhalte entstanden, gesetzt, gedruckt und verbreitet werden konnten – eine seltene Kette aus Kompetenz und Produktion „unter einem Dach“.
Berlin 1887: „Noli me tangere“ – und warum das mehr als ein Buch war
Der bekannteste internationale Bezug führt zu José Rizal. Sein Roman „Noli me tangere“ erscheint 1887 in Berlin. In bibliografischen Angaben wird dabei die Berliner Buchdruckerei-Aktiengesellschaft als Druckerei genannt – und zugleich taucht die Setzerinnenschule des Lette-Vereins als Verlags-/Imprint-Angabe auf.
Für die Philippinen wurde das Buch zum kulturellen und politischen Ereignis: Es kritisierte koloniale Machtstrukturen und gilt als Schlüsselschrift der Reform- und Unabhängigkeitsbewegung.
Überspitzt gesagt: Zwischen Berliner Setzkästen und der Debatte in Manila lag kein Ozean aus Zufall, sondern eine Kette aus Bildung, Technik und Verbreitung.
Rizal in Berlin: Wissenschaftsnetzwerke und das Museum um die Ecke
Rizals Berliner Zeit war nicht nur „Druck und Deadline“. Er bewegte sich auch in wissenschaftlichen Kreisen – unter anderem im Umfeld der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, die u. a. von Rudolf Virchow mitbegründet wurde.
Und auch das damalige Königliche Museum für Völkerkunde (Eröffnung 1886) spielt in dieser Berliner Landschaft eine Rolle: In den Sammlungsakten ist beispielsweise ein Schreiben Rizals an den damaligen Museumsdirektor Adolf Bastian dokumentiert.
Was bleibt – und was diese Geschichte heute erzählt
Nicht jede Spur ist im eigenen Bestand greifbar. Aber selbst dort, wo ein physisches Exemplar fehlt, bleibt etwas sehr Konkretes: der Nachweis, dass am Lette Verein nicht nur über Berufe gesprochen wurde, sondern dass die Befähigung zum Beruf hergestellt wurde – durch Können, Werkstattlogik und Veröffentlichungswege.
Fazit: Die Setzerinnenschule am Lette Verein Berlin steht exemplarisch für ein Prinzip, das bis heute modern wirkt: lernen, produzieren, verbreiten. Und manchmal beginnt – ja, auch das darf man so sagen – Veränderung mit sorgfältigem Satz.
